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psilocix

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1

Sonntag, 20. Mai 2012, 21:40

Mohn und Gedächtnis - Paul Celan

Ein Topic für, von, über Paul Celan.

Weiß nicht, ob ihn hier jemand kennt, Celan ist recht unbekannt. Wenn, dann kennen die Leute meist

Die Todesfuge

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen
Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus Deutschland

dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith


...von ihm. Meiner Meinung nach ein begnadeter Schriftsteller. Ich kenne selbst nur wenig, mein Deutschlehrer im Internat, Herr Schack (<3) hat auf meinen ausdrücklichen Wunsch noch ein paar aus seiner beeindruckenden Lyricsammlung ausgegraben. Ich hab bisher selbst verzweifelt nach mehr Texten von Celan gesucht, und gestern in Nürnberg bin ich tatsächlich zufällig über einen Gedichtband von ihm gestolpert.


Seine Lyric ist sehr kryptisch, manche empfinden es als wirr, wie einen Code. Für mich... malt er Bilder mit Worten. Ich weiß nicht, ob ich die Bilder sehe, die er meinte - aber ich sehe Bilder, und sie sind wunderschön.

Ich such mal ein paar raus, die ich spontan hier finde.


***

DER SAND AUS DEN URNEN


Schimmelgrün ist das Haus der Vergessens.
Vor jedem der wehenden Tore blaut dein enthaupteter Spielmann.
Er schlägt dir die Trommel aus Moos und bitterem Scharmhaar;
mit schwörender Zehe malt er im Sand deine Braue.
Länger zeichnet er sie als sie war, und das Rot deiner Lippe.
Du füllst hier die Urnen und speisest dein Herz.


****

Sie kämmt ihr Haar wie mans den Toten kämmt:
sie trägt den blauen Scherben unterm Hemd.


Sie trägt den Scherben Welt an einer Schnur.
Sie weiß die Worte, doch sie lächelt nur.


Sie mischt ihr Lächeln in den Becher Wein:
du musst ihn trinken, in der Welt zu sein.


Du bist das Bild, das ihr der Scherben zeigt,
wenn sie sich sinnend übers Leben neigt.


***

2

Sonntag, 20. Mai 2012, 22:07

normalerweise kann ich Lyrik nicht viel abgewinnen. Doch das hier verstehe ich. Und finde es sehr treffend und schön beschrieben.
Im Wesen von Beobachtung - seiner wahren Bedeutung - gibt es kein Denken; da gibt es kein Zentrum eines "ichs", das "dich" anschaut
Krishnamurti

3

Montag, 21. Mai 2012, 09:02

Corona

Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde.
Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehen:
die Zeit kehrt zurück in die Schale.

Im Spiegel ist Sonntag,
im Traum wird geschlafen,
der Mund redet wahr.

Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:
wir sehen uns an,
wir sagen uns Dunkles,
wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,
wir schlafen wie Wein in den Muscheln,
wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.

Wir stehen umschlungen im Fenster, sie sehen uns zu von der Straße:
es ist Zeit, daß man weiß!
Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.

Es ist Zeit.

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Ich muss wieder mehr Lyrik lesen, ich liebe das so......<3
I quickly realized that the only way to be happy as a human was to spend all of your time in the company of non-humans.

-Guy Mann